Zwischen Schreiben und Sprechen

Büchernärrin und Literaturstudentin Caroline hatte das grosse Vergnügen, den Berner Autor Michael Fehr zu treffen. Eine literarische Rencontre mit dem neuen Schweizer Literaturstar. 

Anspruchsvoll. So hat sich das Lesen der ersten Seiten von «Simeliberg» angefühlt. Die fehlende Interpunktion macht es dem Leser am Anfang schwer, sich auf den Text zu konzentrieren. Doch dann auf einmal, beginnt der Text von selbst zu fliessen. Ein Fluss von Wörtern, ohne Punkt und Komma, aber mit einem Hauch Poesie. Der Text ist kaum vergleichbar mit bisher Gelesenem, so stark hebt sich Michael Fehrs Stil von anderen ab. Dies hat mitunter damit zu tun, dass der Berner Autor seit seiner Geburt an einer starken Sehschwäche leidet. Michael Fehr schreibt seine Texte nicht, er spricht sie und zeichnet sie auf. Besser gesagt: Er erzählt sie. Fragt man ihn, ob er sich als Schriftsteller, Autor oder Künstler sehe, antwortet er, er sei eigentlich ein Erzähler. Wie in denjenigen Kulturen, wo das Erzählen noch einen hohen Stellenwert habe und wo das Weitergeben von Geschichten eben noch mündlich geschehe. Er bezeichnet seine Form als Sprache mit sinntragendem Klang und klangtragendem Sinn. Er gebe der Geschichte einen Puls, eine Musikalität, eine Harmonie. Wenn der Text genug pulsiere, richtig ticke, dann wisse er, dass es gut laufe.

In der Tat spürt der Leser das Mündliche in Fehrs «Simeliberg», welches durchzogen ist von Dialekt. Die Charaktere scheinen zwar simpel gestrickt, aber sie kommen sehr lebendig rüber. Herr Schwarz ist ein alter Mann, der vielen Dorfbewohnern ungeheuerlich ist. Als dessen Frau verschwindet, meinen alle zu wissen, er habe sie ermordet. Doch in «Simeliberg» wie auch im Leben, ist nicht immer alles so, wie es scheint. Ich will euch hier die Geschichte nicht weiter verraten, da ich hoffe, dass einige von euch nach dem Lesen dieses Beitrags die nächste Buchhandlung aufsuchen werden, um den Text selber zu entdecken.

Manche Schriftsteller, so heisst es, seien mit einem Stift geboren worden. Meint man, Michael Fehr habe schon immer geschrieben, täuscht man sich. Der Berner, der 1982 geboren wurde und in Gümligen aufgewachsen ist, hat nach der Matura zuerst ein Wirtschaftsstudium, dann ein Jurastudium angefangen. Doch nach drei Jahren Jus an der Univeristät Bern habe er das Studium geschmissen, weil die Angst vor dem Juristenberuf zu gross gewesen sei. Er habe sich vielmehr als Künstler gefühlt und gewusst, dass er etwas mit Kunst machen wolle. Für ihn sei wichtig, sich durch eine Kunstform auszudrücken. Die Form sei eigentlich nur nebensächlich. Das Suchen nach Ästhetik gehe weit über die Autorenschaft heraus. und diese Suche höre nie auf. Bei der Berufsberatung sei er auf das Literaturstudium aufmerksam geworden und so habe er mit 25 angefangen, Texte zu schreiben, um sich am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel zu bewerben. 2013 kam sein erstes Buch Kurz vor der Erlösung raus, wofür er mit dem Literaturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet wurde. Mit Simeliberg, das 2015 erschien, gewann er in Klagenfurt den Kelag-Preis und den Bayern 2-Wortspiele-Preis.

Und seine Lieblingsautoren? Er lacht und sagt, darunter seien nur Schriftsteller, die schon alle gestorben seien. Dazu gehören Daniil Charms, Theodor Fontane, Jean Paul, Jeremias Gotthelf, Friedrich Glauser und Ludwig Eckardt.

Michael Fehr

Zum Schluss will ich vom Berner Autor wissen, ob Bern für ihn eine spezielle Bedeutung habe, oder er ob er sonst wo leben könnte. Er antwortet, es sei ihm eigentlich egal, wo er lebe. In Bern fühle er sich einfach sicher, da er jeden Pflasterstein kenne und sich daher frei bewegen könne. Ein Ort, an dem er sich gerne aufhalte, sei das Lehrerzimmer. Hier würden sich seine trinkfesten Freunde vom Literaturstudium und er (auch trinkfest) jeweils mittwochs treffen. Literaturstammtisch, so würden sie es nennen.

Unterschrift Michael Fehr

Beim Verabschieden dreht Michael Fehr den Spiess um und will von mir wissen, welche französischen Autoren ich ihm zum Lesen empfehlen würde. Ich antworte, von den gestorbenen (!) könne ich ihm Balzac, Stendhal, Proust und Sartre empfehlen.

Portraits von Rachel Liechti

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